Als Belgien noch auf dem Grund eines tropischen Meeres lag
Eine Reise in die Vergangenheit, vor etwa 350 Millionen Jahren, als das heutige Belgien nahe am Äquator lag und ein warmes, flaches Meer den Grundstein für den belgischen Blauen Hartstein legte.
Wer heute eine Türschwelle, einen Bodenbelag oder einen Fassadenstein aus belgischem Blauem Hartstein betrachtet, blickt in Wirklichkeit auf die versteinerten Überreste eines verschwundenen tropischen Meeres.
Die Geschichte beginnt vor etwa 350 Millionen Jahren, während des Unterkarbons. Damals sah die Erde völlig anders aus. Europa existierte noch nicht in seiner heutigen Form, der Atlantik hatte sich noch nicht gebildet und die Kontinente lagen an anderen Orten.
Auch das Gebiet, aus dem später Belgien hervorgehen sollte, befand sich Tausende von Kilometern weiter südlich. Es lag nahe am Äquator und war größtenteils von einem warmen, flachen Meer bedeckt. Auf dem Meeresboden lebten Seelilien, Korallen, Brachiopoden, Bryozoen, Muscheln und unzählige andere Organismen mit kalkhaltigen Skeletten.
Nach ihrem Tod wurden diese Überreste Teil des Sediments. Schicht für Schicht lagerten sich Kalkfragmente, Fossilien und feiner Kalkschlamm auf dem Meeresboden ab. Unter dem Einfluss von Vergrabung, Druck und chemischen Prozessen entstand schließlich ein kompakter, fossilienreicher Kalkstein: der belgische Blaue Hartstein.
Belgien lag nahe am Äquator
Unsere Region lag nicht auf ihrem heutigen Breitengrad, sondern in einer warmen tropischen Gegend am Rande von Laurussia.
Durch die Bewegung der Kontinentalplatten veränderte sich die Lage der Kontinente ständig. Das Gesteinspaket, aus dem der belgische Blaue Hartstein entstand, bildete sich, als unsere Region noch viel weiter südlich lag als heute.
Die Lage nahe am Äquator erklärt das tropische Klima und das warme Meer. Unter solchen Bedingungen konnten sich kalkbildende Organismen in großer Zahl entwickeln. Ihre Skelette und harten Teile bestanden größtenteils aus Kalziumkarbonat, dem gleichen Stoff, der später zu einem wichtigen Bestandteil des Kalksteins werden sollte.
Belgischer blauer Blaustein ist älter als die Dinosaurier, älter als die Alpen und älter als der Atlantik.
Ein warmes, klares und relativ flaches Meer
Der Meeresboden war keine leere Fläche, sondern eine lebendige Landschaft voller Lebewesen.
Seelilien streckten ihre Arme in die Strömung aus, um Nahrungspartikel aus dem Wasser zu filtern. Korallen bildeten Kolonien, Brachiopoden lagen auf oder im Sediment, und Bryozoen bauten feine Kalkstrukturen auf.
Das Wasser war klar genug, um viel Sonnenlicht durchzulassen. Gleichzeitig war der Eintrag von Lehm und Sand vom Land aus begrenzt. Dadurch wurden die kalkreichen Ablagerungen nicht ständig durch große Mengen anderer Sedimente verdünnt.
Die Bedingungen blieben über lange Zeiträume hinweg günstig. Dadurch konnten sich dicke Schichten kalkhaltigen Materials auf dem Meeresboden ansammeln.
Eine geologische Reise durch 350 Millionen Jahre
Zwischen der ersten Ablagerung auf dem Meeresboden und dem heutigen Abbau liegen Hunderte Millionen Jahre natürlicher Prozesse.
Nach ihrem Absterben sanken die kalkhaltigen Überreste der Meeresorganismen auf den Meeresboden. Zusammen mit feinem Kalkschlamm bildeten sie mächtige Sedimentschichten. Neue Schichten bedeckten die älteren Ablagerungen, wodurch Druck und Temperatur allmählich anstiegen.
Unter dem Einfluss von Verdichtung und Diagenese verwandelte sich das lockere Sediment in harten Kalkstein. Später wurden die Schichten durch tektonische Bewegungen angehoben. Durch Erosion wurden die darüber liegenden Gesteinsschichten abgetragen, wodurch der Kalkstein wieder näher an die Erdoberfläche rückte.
Heute wird der belgische Blaue Hartstein in belgischen Steinbrüchen abgebaut und mit handwerklichem Geschick zu nachhaltigen Produkten für den Bau, die Innenausstattung, die Landschaftsgestaltung und den Denkmalschutz verarbeitet.
Der belgische Blaue Hartstein im Viséen
Der belgische Blaue Hartstein wird allgemein mit Kalksteinablagerungen aus dem Unterkarbon in Verbindung gebracht. Innerhalb dieser Periode nimmt das Viséen eine wichtige Stellung ein.
Die Stratigraphie ist die Wissenschaft, die Gesteinsschichten untersucht und diese zeitlich und räumlich einordnet. Durch den Vergleich von Fossilien, Gesteinsarten und der gegenseitigen Lage der Schichten können Geologen bestimmen, wann und unter welchen Bedingungen ein Gestein entstanden ist.
Nicht jeder belgische Steinbruch baut genau dieselbe Schicht oder Gesteinseinheit ab. Lokale Unterschiede in der Sedimentation, späteren Verformung und Diagenese können sich auf Farbe, Fossiliengehalt, Struktur und technische Eigenschaften auswirken.
Die genaue stratigraphische Zuordnung muss stets für jeden Steinbruch und jede Abbaustufe gesondert betrachtet werden. Die spezifische Geologie des Steinbruchs von La Préalle wird weiter unten gesondert behandelt.
Die Fossilien bilden das Gestein selbst
Die Zeichnungen im belgischen Blauen Hartstein sind keine Verzierungen, sondern Überreste von Organismen, die vor Millionen von Jahren lebten.
Vor allem Seelilien oder Crinoiden spielten eine wichtige Rolle. Auch wenn ihr Name etwas anderes vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um Pflanzen. Sie gehören zu den Stachelhäutern und sind mit Seesternen und Seeigeln verwandt.
Ihre Stiele bestanden aus übereinander geschichteten Kalkscheiben. Nach dem Tod des Tieres fielen diese Stiele auseinander. Die einzelnen Fragmente gelangten in großen Mengen auf den Meeresboden.
Auf einer bearbeiteten Steinoberfläche sind diese Fragmente als helle Kreise, Striche und manchmal sternförmige Figuren zu erkennen. Darüber hinaus kommen unter anderem Brachiopoden, Korallen, Bryozoen und Muscheln vor.
Eine geschliffene Platte aus belgischem Blauem Hartstein kann Tausende einzelner Fossilfragmente aufweisen. Daher weisen keine zwei Platten genau dieselbe natürliche Maserung auf.
Eine außergewöhnliche Kombination von Umständen
Ein warmes Meer allein reichte nicht aus. Verschiedene Faktoren mussten über einen sehr langen Zeitraum hinweg gleichzeitig gegeben sein.
Die Lage in der Nähe des Äquators sorgte für ein warmes Klima. Durch die geringe Wassertiefe drang das Sonnenlicht bis zum Meeresboden vor. Die artenreiche Meeresfauna produzierte ununterbrochen kalkhaltige Skelettteile.
Die begrenzte Zufuhr von Lehm und Sand vom Land aus sorgte dafür, dass die Ablagerungen relativ rein blieben. Gleichzeitig senkte sich der Meeresboden langsam genug ab, um weiterhin Platz für neue Sedimentschichten zu bieten.
So konnten mächtige Schichten aus fossilreichen Kalksedimenten entstehen, ohne dass sie unmittelbar über dem Wasser lagen oder von anderem Material bedeckt wurden.
Das ursprüngliche Sediment bestand aus einer Mischung aus feinem Karbonatschlamm und größeren Bioklasten: Fragmenten von Kalkskeletten mariner Organismen.
Vom Sediment zum Naturstein
Das Sediment auf dem Meeresboden war anfangs weich, porös und wasserreich.
Neue Sedimentschichten bedeckten die älteren Ablagerungen. Durch das Gewicht der darüber liegenden Schichten wurden die unteren Sedimente zusammengedrückt. Wasser wurde aus den Poren herausgedrückt, und die Partikel rückten näher zusammen.
Gleichzeitig zirkulierte mineralreiches Porenwasser durch das Sediment. Kalzit lagerte sich zwischen den Körnern ab und wirkte wie ein natürlicher Zement. Fossilfragmente, Kalkschlamm und Kalzit-Zement wuchsen allmählich zu einer festen Masse zusammen.
Diese Gesamtheit der Veränderungen nach der Ablagerung bezeichnen Geologen als Diagenese. Der Prozess umfasst unter anderem Verdichtung, Zementierung, Rekristallisation und andere physikalisch-chemische Veränderungen.
Durch diesen Prozess entstand ein dichter, kompakter und fossilienreicher Kalkstein. Die ursprünglichen biologischen Strukturen blieben teilweise sichtbar und verleihen dem Stein heute seinen einzigartigen Charakter.
Das Viséen in der Erdgeschichte
Der Zeitraum, in dem der belgische Blaue Hartstein entstand, macht nur einen kleinen Teil der mehr als 4,5 Milliarden Jahre langen Geschichte unseres Planeten aus.
Das Viséen gehört zum Unterkarbon, das wiederum Teil des Paläozoikums ist. Während des Paläozoikums entwickelte sich das Leben im Meer stark weiter, und auch an Land entstanden die ersten ausgedehnten Ökosysteme.
Der belgische Blaue Hartstein entstand lange vor den Dinosauriern, die erst im Mesozoikum auftauchten. Auch die heutigen Kontinente, Gebirge und Ozeane existierten damals noch nicht in ihrer heutigen Form.
Der Stein bildet somit ein greifbares geologisches Archiv eines sehr alten Kapitels der Erdgeschichte.
Vom tropischen Meeresboden bis zum Naturstein
- Das heutige Belgien lag vor etwa 350 Millionen Jahren nahe am Äquator.
- Ein warmes, klares und relativ flaches Meer bedeckte weite Teile unserer Region.
- Seelilien, Korallen, Brachiopoden, Bryozoen und andere Organismen produzierten große Mengen an Kalk.
- Ihre Überreste wurden zusammen mit Kalkschlamm Schicht für Schicht auf dem Meeresboden abgelagert.
- Durch Vergrabung, Verdichtung, Zementierung und Diagenese verwandelte sich das Sediment in einen festen, fossilreichen Kalkstein.
- Die Fossilien sind auch heute noch sichtbar und bilden einen wesentlichen Bestandteil des belgischen Blauen Hartsteins.
Der belgische Blaue Hartstein ist also kein gewöhnlicher Baustoff. Jede Platte ist ein Querschnitt durch ein verschwundenes Ökosystem und bewahrt greifbare Spuren von Hunderten von Millionen Jahren Erdgeschichte.
Über die Entstehung des belgischen blauen Blausteins
Wie alt ist belgischer blauer Blaustein?
Der Kalkstein entstand im Unterkarbon und ist etwa 350 Millionen Jahre alt. Das genaue Alter kann je nach geologischer Schicht und Abbaugebiet leicht variieren.
Warum enthält belgischer blauer Blaustein Fossilien?
Der Stein entstand aus kalkhaltigen Sedimenten und Überresten von Organismen, die auf dem Grund eines tropischen Meeres lebten. Bei der Versteinerung blieben viele dieser Überreste im Gestein erhalten.
Sind Seelilien wirklich Pflanzen?
Nein. Seelilien oder Crinoiden sind Tiere und gehören zur selben großen Tiergruppe wie Seesterne und Seeigel.
Warum lag Belgien damals so nah am Äquator?
Die Kontinentalplatten bewegen sich ständig. Das Gesteinspaket, aus dem der belgische Blaue Hartstein entstand, befand sich während des Unterkarbons viel weiter südlich als heute.
Was bedeutet Diagenese?
Diagenese ist der Sammelbegriff für Prozesse, durch die loses Sediment nach seiner Ablagerung in festes Gestein umgewandelt wird, darunter Kompaktierung, Zementierung und Rekristallisation.